Linn Strømsborg – Nie, nie, nie

Ich bin keine Mutter und will auch keine werden. Ich hab mit mir selbst genug zu tun. Vom Tag meiner Geburt bis zu dem Tag, an dem ich sterbe, werde ich mit mir zusammengelebt haben. Das reicht mir.

S. 19.

Als gefühlt letzte im Bookstagram-Universum habe ich Linn Strømsborgs Nie, nie, nie in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat gelesen. Um ehrlich zu sein, war ich eher skeptisch, als ich las, dass dieser Roman von dem nicht vorhandenen Kinderwunsch einer 35-jährigen Frau handelt. „Das trägt doch im Leben keinen ganzen Roman“, habe ich gedacht – und mich damit schwer getäuscht.
 
Die Erzählerin ist seit acht Jahren mit ihrem Partner Philipp liiert und die beiden sind sich einig: Sie wollen keine Kinder. Als jedoch Anniken, die beste Freundin der Erzählerin, ein Kind von ihrem Partner erwartet, kommen bei Philipp Zweifel auf. Was, wenn er sich doch irgendwann Kinder wünscht? Auch die Mutter der Erzählerin, ihre Freund*innen und der Rest des Umfelds kann ihre Entscheidung nicht verstehen und ist sich sicher: eines Tages wird sie diese bereuen… 

Ein Kind zu bekommen lässt dich die Extremalpunkte deiner Existenz spüren. Es ist die beste und die schlimmste Zeit. Du hättest nie gedacht, dass du so müde sein kannst. Hättest nie gedacht, dass du so lieben kannst. Ein Kind zu bekommen heißt, die Extremalpunkte zu akzeptieren, bereit zu sein, sich zwischen ihnen strecken zu lassen, womöglich bis zum Zerreißen. Kein Kind zu bekommen ist die Entscheidung für etwas anderes. Aber ich habe meine eigenen Extremalpunkte – in meinem ganz gewöhnlichen Leben. Ich will hier sein.

S. 159.

Selten war ich so froh, auf all die positiven Stimmen gehört zu haben, die mir einflüsterten, dieses Buch zu lesen. Wenngleich der Roman ein wenig braucht, um in seiner Tiefe anzukommen, hatte mich die Geschichte von der ersten Seite an. 
 
Str​ømsborg schafft es, die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonistin in Worte zu fassen, die respektvoll mit allen anderen Lebensentwürfen umgeht und sich genau das auch für die eigenen Entscheidungen wünscht: Respekt!

Dass der Wert einer Frau nicht von der Anzahl ihrer Kinder abhängt, das Mütter immer noch strukturell benachteiligt sind und dass man nicht „nur den richtigen Papa“ finden muss, um einen Kinderwunsch zu entwickeln, sollte mittlerweile eigentlich allgemeingültiges Wissen sein. Dennoch ist es für kinderlose Frauen unter 30 bis heute quasi unmöglich, sich sterilisieren zu lassen. Täglich werden Menschen übergriffig gefragt, ob und wann sie denn endlich einmal (mehr) Kinder bekommen, obwohl der/die Fragende keinerlei Ahnung von den Lebensumständen des Gegenübers hat. Will man keine Kinder und artikuliert dies, muss man sich unweigerlich rechtfertigen. Komisch, denn als ich schwanger wurde, hat mich niemand gefragt, warum ich denn jetzt eigentlich ein Kind bekomme…
 
Fakt ist: Dieses Buch ist hervorragend und gleicht seine hier und dort durchblitzende literarische Unperfektheit durch thematische Aktualität und liebenswerte Charaktere aus. Die starke und sympathische Erzählstimme ist komplett relatable – für Menschen ohne Kinderwunsch, aber auch (und vielleicht gerade) für mich als Mutter. Ich möchte dieses Buch allen empfehlen, die sich mit dem Thema Kinderkriegen befassen, egal, ob männlich, weiblich oder enby, egal, ob mit oder ohne Kinderwunsch, denn die Autorin schafft es, einen hochkomplexen Diskurs und alle dazugehörigen Emotionen in eine Geschichte zu verpacken und alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Und vor allem findet sie gute Antworten für alle Beteiligten…
Lest das!

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