Han Kang – Die Vegetarierin

Yong-Hye ist in jeglicher Hinsicht durchschnittlich. Sie ist mittelgroß, ihre Haare sind „irgendwo zwischen kurz und lang“ (S. 7), sie trägt farblose Kleidung und ihr Gang ist „nicht schnell, nicht langsam, nicht raumgreifend und auch nicht tippelnd“ (ebd.).
Ihr Mann, der sie eigentlich nicht einmal attraktiv findet, schätzt genau das an ihr. Sie fällt nicht aus dem Rahmen, gibt keine Widerworte und tut, was von ihr erwartet wird. Doch dann entscheidet sie sich eines Tages nach einem verstörenden Traum dazu, keine tierischen Nahrungsmittel mehr zu sich zu nehmen.

Zunächst erzählt Yong-Hyes Ehemann vom Leben mit ihr, ihrer Entscheidung und den daraus resultierenden Folgen. Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu ihrem Schwager, einem Künstler, der sie zwei Jahre nach den Ereignissen aus dem ersten Teil für eines seiner Kunstprojekte „benutzen“ möchte, wobei ich das Verb hier bewusst verwende. Der dritte und letzte Teil ist aus dem Blickwinkel von Yong-Hyes Schwester In-Hye erzählt und ich kann leider nicht mehr dazu sagen, ohne zu viel zu verraten.

Die Autorin lässt die Geschichte der Person, um die es eigentlich geht, von anderen erzählen. Das passt zu Yong-Hyes Figur und unterstreicht die Tatsache, dass sie über ihre eigene Geschichte keine Kontrolle hat. Der Roman ist zudem gespickt voll mit grotesken Elementen, die zu lesen und zu analysieren mich mit unglaublicher Freude erfüllt hat.

„Die Vegetarierin“ von Han Kang in der genialen Übersetzung aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee erzählt von Macht und Ohnmacht und benutzt dafür Techniken und Bilder, die an Franz Kafka erinnern.
Der mitunter durchaus verstörende Text ist dabei auch eine Gesellschaftskritik, die vor allem patriarchale Strukturen anprangert, sich aber auch mit falschem Umgang mit psychischen Erkrankungen beschäftigt.


Ich kann von Herzen empfehlen, das Buch zusammen mit anderen zu lesen, denn meine Erfahrung mit dem Text wurde durch die Diskussion mit @lesestress und @knigaljub einmal mehr wahnsinnig bereichert. Danke nochmal dafür, Mädels!

Ein großartiger Roman, der auf nur 190 Seiten unfassbar viel Inhalt liefert und Raum für stundenlange Gespräche schafft!
Große Empfehlung von mir!

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