Sally Rooney – Normale Menschen

Niemand kann vollkommen unabhängig von anderen Menschen sein, also warum nicht gleich aufgeben, dachte sie, einfach in die andere Richtung laufen, sich in allem auf andere verlassen, ihnen erlauben, sich auf dich zu verlassen, warum nicht.

S. 312

Heute erscheint der 2018 für den Man Booker Prize nominierte und mehrfach preisgekrönte Roman Normal People auf Deutsch. Normale Menschen wurde von Zoë Beck auf großartige Weise aus dem Englischen übersetzt, ist als Hardcover bei Luchterhand erschienen und kostet 20€.

Marianne und Connell wachsen in einem kleinen Ort in der Nähe von Sligo/Irland auf und sind schon in der Schule irgendwie ein Paar, irgendwie aber auch nicht. Er ist beliebt, sie nicht. Sie ist ihm peinlich. Dennoch überredet sie ihn, nicht zum Jurastudium nach Galway zu gehen, sondern sich am Trinity College in Dublin zu bewerben, das auch sie besuchen wird. Dort treffen sie sich wieder und die Geschichte einer intensiven Freundschaft und On/Off-Beziehung setzt sich fort.

Ich gebe zu: ich war sehr skeptisch. Was juckt mich another millenial-lovestory habe ich gedacht. Die 317 Seiten habe ich aber sehr flott und ebenso gern gelesen. Sally Rooney schreibt über Menschen wie sie sind, mit Ecken und Kanten und das hat mir gefallen. Was ich wirklich mochte, war die Charakterentwicklung, immerhin begleiten wir Marianne und Connell über knapp vier Jahre zwischen Teenagerjahren und Erwachsensein. Eben die Jahre, in denen wirklich viel mit einem passiert. Dass sich hier echte Entwicklungen und Veränderungen in den Charakteren abspielten, mochte ich sehr.

Auch Kommentare zum politischen Zeitgeschehen und gesellschaftliche Themen, waren großartig in den Text eingebunden.
So zum Beispiel ein Kommentar zum Literarurbetrieb:

Er weiß, dass viele von den Literaturleuten am College Bücher vor allem als Möglichkeit sehen, um kultiviert zu erscheinen. […] Es war Kultur als Ausdruck der Gesellschaftsschicht, Literatur als Fetisch dank ihrer Fähigkeit, gebildete Leute auf falsche Gefühlsreisen zu schicken, so dass sie sich hinterher den ungebildeten Menschen über deren Gefühlsreisen sie so gern lesen, überlegen fühlen können. Selbst wenn der Autor als solcher ein guter Mensch war und selbst wenn sein Buch wirklich einfühlsam war, so wurden alle Bücher letztlich als Statussymbole vermarktet und alle Autoren nahmen in gewissem Maße an diesem Marketing teil.

S. 265.

Das Ende ließ mich hingegen absolut unbefriedigt zurück und ich verstehe zwar einerseits, warum das so sein muss und nur konsequent ist, andererseits ändert das nichts an der Tatsache, dass ich es mir anders gewünscht hätte.
Formal habe ich mich an den nicht vorhandenen Kennzeichnungen für die wörtliche Rede gestört. Dialoge sind in den Fließtext eingebettet, das fand ich unübersichtlich.


Zusammenfassend muss ich sagen, dass Sally Rooney, selbst 1991 geboren, die Menschen ihrer und meiner Generation durchaus gut beobachtet und beschrieben hat. Es passt alles, ich habe mich und Freund*innen durchaus wieder erkannt – allerdings war der Text oft so nah an meinen eigenen Erfahrungen, meinem eigenen Leben dran, dass sich mir die Frage stellte, warum ich es eigentlich noch lesen soll.

Generationen vor und nach uns kann „Normale Menschen“ sicher gute Dienste leisten, um Generation-Y und Millenials zu verstehen.


Lieblingsstellen:

Ich finde ja, dass Männer im Allgemeinen sehr viel mehr damit beschäftigt sind, die Freiheiten von Frauen einzuschränken, als ihre eigene Freiheit in Anspruch zu nehmen […].

S. 117.

Nicht zum ersten Mal denkt Marianne, dass Grausamkeit nicht nur die Opfer verletzt, sondern auch die Täter, und diese vielleicht sogar tiefer und bleibender. Man lernt nichts wirklich Tiefgreifendes über sich selbst, wenn man einfach nur gemobbt wird, aber wenn man jemanden mobbt, lernt man etwas, das man nie wieder vergisst.

S. 270 f.

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