Jean Ziegler – Die Schande Europas

Ich war nicht direkt verantwortlich für das menschliche Elend, das ich vor Augen hatte, doch als Europäer, als Mensch, der bislang stumm geblieben war, hatte ich zu der Verschwörung des Schweigens beigetragen, die diese Gräuel erst ermöglichten.

S. 65.

Es ist ein Thema, zu dem mein üblicher „Friede, Freude, veganer Eierkuchen“-Stil der Bilder nicht passt und eines, das mir sehr am Herzen liegt.

Während wir heute mal wieder jammern, weil wir mit neuen Maßnahmen umgehen müssen (versteht mich bitte nicht falsch, ich hoffe von ganzem Herzen, dass Gastro- und Kulturbetreiber endlich angemessen gefangen werden…), sitzen an den europäischen Außengrenzen zehntausende Menschen unter absolut unwürdigsten Bedingungen fest.

Jean Ziegler, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats, besuchte im Mai 2019 das Lager Moria auf Lesbos, das mittlerweile, wie wir alle wissen, abgebrannt ist. Sein Buch Die Schande Europas ist Zeitzeugnis und Appell zugleich. Es zeugt vom moralischen Verfall Europas und vom mittlerweile de facto völlig ausgehebelten Grundrechts auf Asyl. Es berichtet von illegalen Push-Back-Aktionen, bei denen Europa die eigenen Gesetze missachtet. Es erzählt aber auch die Geschichten der Menschen hinter dem Wort „Flüchtling“ und wer diese lesen, hören, aushalten kann, ohne, dass das Herz zerreißt, wer danach noch von „es kommen ja nur junge Männer“ und „das Boot ist voll“ faselt, dem fehlt es schlicht und ergreifend an Menschlichkeit.

Wusstet ihr zum Beispiel, dass die EU (also unser aller Steuern) Selbstschussanlagen an der Türkisch/Syrischen Grenze mitfinanziert hat, die Geflüchtete auf eine ganz einfache Art und Weise am Grenzübertritt hindern: indem sie sie erschießen? Wusstet ihr, dass jede Push-Back-Operation von Frontex und Konsorten gegen dss Völkerrecht verstößt? Dass die türkische und griechische Grenzpolizei mit Eisenstangen auf Männer, Frauen und Kinder einschlägt, die versuchen in Schlauchbooten das griechische Ufer zu erreichen? Dass sie um die Schiffe herum schießen, damit die Geflüchteten die Boote durch Panik selbst zum Kentern bringen? Dass mehr als 35% der Geflüchteten, die in den fünf Hotspots der Ägäis festgehalten werden Kinder, also Menschen unter 18 Jahren sind? Dass sie keinen Zugang zu Bildung und keine Möglichkeiten zum Spielen haben? Von Traumata, sexuellem Missbrauch und fehlender psychischer Betreuung einmal ganz abgesehen.

Heute sind ca. 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Europa zerstört an seinen Außengrenzen und im Mittelmeer täglich das Fundament auf dem es gebaut wurde. Die Idee Europa fußt nicht nur auf dem Freifahrtschein für Waren und den Handelsabkommen zu denen es degradiert wurde. Europa kann, Europa soll, Europa MUSS mehr sein, als das. Und auch wenn Jean Ziegler mich genau so rat- und hilflos zurück lässt, wie vor der Lektüre, nur etwas tränenleerer, so ist für mich beim Lesen doch eines klar geworden: wenn wir nichts tun, hat jede*r einzelne von uns Blut an den Händen!


Da mir dieses Thema wirklich wichtig ist, habe ich gemeinsam mit Freunden eine Petition gestartet, um unsere Heimatstadt zum sicheren Hafen zu machen. Es ist nur ein kleiner Schritt, aber er würde ein Zeichen setzen, ein weiteres klitzekleines Signal senden. Bitte unterstützt uns dabei! Geht dazu auf
https://www.openpetition.de/petition/online/sicherer-hafen-langenfeld , unterschreibt, bestätigt eure Unterschrift und teilt das Ganze am Besten auf verschiedenen Kanälen!

Die Europäische Union ist eine demokratische Konstruktion. Es gibt keine prinzipielle Ohnmacht in der Demokratie. Wir, die Bürgerinnen und Bürger, verfügen über die Macht der Schande. Es ist an uns, die Machtverhältnisse zu verändern. Wir müssen die öffentliche Meinung mobilisieren und unseren Kampf organisieren. Der Strategie der Abschreckung, die die moralischen Grundlagen Europas zerstört, den Krieg erklären.
Wir, die Völker Europas, müssen dafür sorgen, dass die europäischen Zahlungen an die flüchtlingsfeindlichen Staaten sofort beendet werden. Überall auf dem Kontinent müssen wir für die strikte Einhaltung des universellen Menschenrechts auf Asyl kämpfen. Wir müssen die sofortige und endgültige Schließung aller Hotspots durchsetzen, wo immer sie sich befinden. Denn sie sind die Schande Europas.

S. 143.

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