Franz Sutter (Hrsg.) – No Future? Denkanstöße von…

Achtung, Rant!
Ich weiß nicht, vor wie vielen Jahren ich mir dieses schmale Bändchen aus dem Diogenes Verlag besorgt habe, aber nun habe ich es gelesen. Als ich damals auf dem Cover las, dass es u.a. Texte von Camus, Orwell und Wells enthält, musste ich es haben, ich kleines Fangirl. Trotzdem stand es bis jetzt herum. Gut so, denke ich mir nun, denn früher hätte ich es gar nicht so kritisch lesen können, wie jetzt.

In No Future? Denkanstöße von… hat der Herausgeber Franz Sutter 35 Texte versammelt, die eine menschliche Zukunft vor dem Hintergrund der Atombombe thematisieren. Und da liegt auch schon das erste Problem, denn drei mal dürft ihr raten, wie viele dieser Texte von Frauen geschrieben wurden! Richtig. Null.
Als nächstes dürft ihr raten, wie viele der Texte von nichtweißen Autoren stammen. Es ist immerhin einer, von Mahatma Gandhi. Alle anderen 34 Texte stammen von weißen Männern aus Europa oder den USA.
So weit so homogen.

Nächster Kritikpunkt: Es gibt zwar einen Quellennachweis, leider ist nirgendwo ersichtlich, in welchem zeitlichen Kontext die jeweiligen Texte tatsächlich entstanden sind. So ist es schön und gut zu wissen, dass die Quelle des Camus Textes im Jahr 1984 bzw. 1996 veröffentlicht wurde, da Camus aber  bereits im Jahr 1960 verstorben ist, ist nicht zu erkennen, wo die Entstehung des Textes denn nun zeitlich einzuordnen ist.

Im C.G. Jung Text werden denn nun munter rassistische Stereotype von „Primitiven“ im Dschungel reproduziert und der von mir gespannt erwartete Text von Wells glänzt ferner mit diesem hübschen Kalenderspruch:

Man darf dem Durcheinander des Lebens nicht aus dem Wege gehen, man muß es bezwingen. Das Streben nach dem Ziel muß über die Ziellosigkeit siegen.

S. 28 f.

Ja nun, ist sicher nicht falsch, aber jetzt auch nicht gerade eine noch nie dagewesene Erkenntnis.

Man könnte zu meiner Kritik nun anbringen, dass die Textsammlung angesichts des Themas bestimmt etwas älter ist und ja, sie stammt ursprünglich aus dem Jahr 1997. Meine Ausgabe wurde 2010 um einige Texte erweitert. Vor etwas mehr als zehn Jahren ist also niemandem aufgefallen, dass hier eine völlig einseitige Perspektive dargestellt wird. Gut, dass ich erst jetzt dazu gegriffen habe, denn sonst hätte ich all das aufgrund meiner eigenen Sozialisierung nicht gesehen…


Um abschließend etwas Positives zu sagen:
Der hier enthaltene und sehr bekannte Text Die Schulbücher müssen neu geschrieben werden von Albert Einstein ist immer wieder bereichernd und auch Orwells Arbeit und Vergnügen hat mich durch seine kluge Voraussicht beeindruckt und ist heute mindestens so aktuell wie zum Zeitpunkt seiner Entstehung.
Ich kritisiere hier explizit nicht alle enthaltenen Texte per se sondern ihre Auswahl. Die auf dem Cover angepriesenen „Denkanstöße“ blieben jedoch, zumindest im Hinblick aufs Titelthema, leider dennoch die Ausnahme.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.