Mithu Sanyal – Identitti

Identität ist ein Spektrum. Identitätspolitik ist ein Spektrum. Cultural Appropriation ist ein Spektrum.
Irgendwo innerhalb dieses Spektrums befand sich der Punkt, an dem Annäherung in Aneignung umschlug, Hilfe in Manipulation, Solidarität in Egoismus.

S. 390.

Nivedita ist Studentin der Postcolonial Studies an der Uni Düsseldorf, bloggt als Identitti über ihr Leben und Aufwachsen zwischen zwei Kulturen, denen sie sich jeweils nicht wirklich zugehörig fühlt und führt außerdem regelmäßig Gespräche mit der hinduistischen Göttin Kali.

Als sich herausstellt, dass ihre Mentorin und großes Vorbild, ihre Professorin Saraswati, gar keine PoC sondern weiß ist, braucht Nivedita dringend Antworten, denn sie ist zutiefst enttäuscht.
Ist Saraswati wirklich „transracial“, wie sie behauptet, oder handelt es sich hier um einen besonders schweren Fall von kultureller Aneignung?
Wenn aber doch race ebenso ein soziales Konstrukt ist wie Gender, folgt daraus dann nicht auch die logische Konsequenz, dass sie fluid ist und die eigene Identität selbst bezeichnet werden muss?

Nicht ganz unironisch bespricht die Autorin Mithu Sanyal in ihrem Roman die großen Diskurse unserer Zeit und stellt jene Fragen, die wir uns als Gesellschaft unbedingt alle stellen müssen.
Eine nicht immer einfache Lektüre, deren genialer Plot dafür umso wichtiger ist.

Bitte lest das alle, sofern nicht bereits geschehen, denn „Identitti“ wird dem Hype nicht nur absolut gerecht, es ist in meinen Augen eindeutig ein literarisches Muss.

Menschsein heißt Verletzlichsein. Aber wir sind eben nicht nur im Schmerz vereint, wir sind auch in der Liebe vereint. Im Interesse aneinander, in Empathie und Anteilnahme. Wir alle sind dadurch alle. Wir alle sind alle Geschlechter, alle races, alle Klassen, alle Kasten, wir alle sind ganz unreligiös das Wunder der Schöpfung, und als solches sollten wir zwischendurch ab und zu innehalten und den Schauer der Ehrfurcht vor unserer komplexen Existenz verspüren.

S. 416 f.

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