Raven Leilani – Hitze

„Ich bin ein offenes Buch“, sage ich und denke an all die Männer, die mich unlesbar fanden. Bei diesen Männern habe ich Fehler gemacht. Ich habe mich an ihre Beine geklammert, als sie gehen wollten. Ich bin ihnen mit einer Flasche Listerine in den Flur nachgelaufen und habe gerufen Ich kann Strandlektüre sein, ich kann die Nebensätze streichen, bitte, ich überarbeite mich einfach nochmal.

S. 17.

Das Buch Hitze von Raven Leilani, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sophie Zeitz, ist derzeit in aller Munde und ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass es sich hier um ein sogenanntes „Hypebuch“ handelt.

Zum Plot (Achtung, enthält Spoiler):
Die Ich-Erzählerin Edie, eine junge Schwarze, lebt in Brooklyn, arbeitet in einem Verlag und unterhält diverse sexuelle Beziehungen mit Kollegen. Sie beginnt eine Affäre mit einem wesentlich älteren, verheirateten, weißen Mann, der sie nicht gerade auf Händen trägt. Als sie zusammen mit ihrem Job auch ihre Wohnung verliert, landet Edie etwas unverhofft im Haus ihres Geliebten, wo sie mit dessen Ehefrau und der gemeinsamen, ebenfalls Schwarzen Adoptivtochter lebt.

Ja, es stimmt, ein älterer Mann ist ein Wunder, weil er achtunddreißig Jahre lang in seine Rentenversicherung eingezahlt hat und ein Lebensmittelvergiftung überlebt hat und die Klimaberichte gesehen hat, ohne sich umzubringen, aber auf der anderen Seite bin ich nach dreiundzwanzig Jahren Frausein, nach einer Ovarialtorsion und Studienkrediten und neumodischen Nazis in Buttondown-Hemden auch noch am Leben, und das ist eigentlich die erstaunlichere Leistung.

S. 223.

Anhand der Zusammenfassung und der Zitate deutet es sich schon an – hier werden eine Menge höchst aktuelle und relevante Themenfelder aufgemacht. Es geht um Schwarze, weibliche Identität, weibliche Lust, Rassismus, Sexismus und Privilegien. Es geht um Kunst und Schaffensprozesse. Hier wird nichts durch die Blume erzählt. Leilanis Sprache ist klar, direkt und kennt keine Umwege. Und doch: All diese ausgesprochen wichtigen Aspekte werden lediglich angerissen, das Weiterdenken den Leser*innen überlassen, die Geschichten nicht auserzählt.

Was einerseits spannend ist und das Leseerlebnis intensiviert, ließ mich andererseits etwas unbefriedigt zurück. Ich hätte so gern mehr gewusst, erfahren, wie es mit den Protagonist*innen weitergeht, die Themenfelder ausführlicher erlesen.
So sehr ich mich unmittelbar nach der Lektüre fragte, was dieses Buch denn nun von mir will, so sehr schwirren mir Leilanis Charaktere immer noch im Kopf herum, so sehr beschäftigen mich Edies Erfahrungen, spiegeln eine Gesellschaft, in der die Perspektive einer Schwarzen etwas Neues ist, weil es dafür bisher keine Bühne gab – und das spricht uneingeschränkt für das Buch.


Ein Text, der sicherlich jede Menge Aspekte bereitstellt und sich daher bestens für Leserunden und Buchclubs eignet.
Habt ihr es auch schon gelesen? Wie ist es euch mit dem Text ergangen? Seid ihr Teil der #hitzigediskussion zwischen @fuxbooks , @eine.schwarze.liest.buecher und @the_zuckergoscherl ?
Vielen Dank an @ehrlichanders und @atlantikverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Immer finden wir einen Weg zu dokumentieren, wie wir überleben, oder in manchen Fällen auch nicht. Ich habe versucht, etwas Unergründliches wiederzugeben. Ich habe meinen eigenen Hunger zum Verfahren gemacht, habe jeden, der in mein Leben stolperte, einer sorgfältigen und anmaßenden Betrachtung unterzogen, die sich gelegentlich in Farbe niederschlug, oft unzureichend. Und wenn ich allein bin, warte ich darauf, dass es jemand mit mir tut, mit schonungslosen, bedächtigen Händen, mich auf die Leinwand bringt, damit es, wenn ich nicht mehr da bin, eine Aufzeichnung gibt, den Beweis, dass ich da war.

S. 254.

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