Ferdinand von Schirach – Nachmittage

Alle Kunst entsteht daraus, dass sich der Künstler der Welt unsicher ist. Diese Welt passt nicht zu ihm, und er passt nicht in sie, er fühlt sich fremd, er glaubt, er gehöre nicht dazu. Er versucht, das alles einmal zu verstehen, die Welt für sich zu ordnen und durch Musik, Kunst oder das Schreiben die Wahrheit zu finden.

S. 57.

Als echter Ferdinand-von-Schirach-Ultra musste ich natürlich auch sein neues Buch schnellstmöglich haben und lesen und ich wurde nicht enttäuscht. In „Nachmittage“ erzählt er in 26 kurzen Texten von Orten und Menschen überall auf der Welt. Es geht um Zufälle und Entscheidungen, die ein Leben komplett verändern und sich manchmal als große Fehler entpuppen. Dabei verwebt Schirach autobiografische Erzählungen, Beobachtungen und einfache Notizen, sodass dieses Buch, ähnlich wie schon „Kaffee und Zigaretten“ aufgebaut ist. Dennoch hat mir „Nachmittage“ wieder sehr viel besser gefallen, weil es eher wie ein großes Ganzes wirkte, wie eine Mischung aus seinen früheren Erzählbänden („Verbrechen“, „Schuld“ und „Strafe“), in denen er Kriminalgeschichten erzählte und dem sehr fragmentarisch wirkenden „Kaffee und Zigaretten“.

Meine liebste Figur war auf jeden Fall der 94-jährige Lorenzo, der von sich selbst sagt, „er wisse, dass er ein bedeutender Schriftsteller sei, auch wenn er nie eine Zeile geschrieben habe.“ S. 162. Er habe eben lieber gelesen. Lorenzo sagt viele kluge Dinge.

Wer Schirachs Bücher mag, wird auch „Nachmittage“ mögen. Wer Schirachs Bücher nicht kennt, sollte das unbedingt ändern. Und wer Schirachs Bücher nicht mag, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Ich habe die meisten Dinge nie ganz verstanden, sie waren zu laut und zu schnell und zu anstrengend.

S. 169.

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