Isabel Allende – Das Geisterhaus

Wie in dem Augenblick, wo wir auf die Welt kommen, haben wir auch im Sterben Angst vor den Unbekannten. Aber die Angst ist etwas Inneres und hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Sterben ist wie geboren werden: nur eine Veränderung […].

S. 337.

Chile in den 1920er Jahren: Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Esteban Trueba erwartet mehr vom Leben. Verliebt in die wunderschöne Rosa, arbeitet er in einer Miene, um Geld für die Hochzeit zu sparen. Als Rosa unerwartet stirbt, widmet er sich einem heruntergekommenen Stück Erbland, den Drei Marien. Indem er die Hintersassen vor Ort aus- und benutzt, wird er Stück für Stück zum angesehenen Patriarchen. Nach der Hochzeit mit Rosas Schwester, der hellsichtigen Clara, entfaltet sich auf den drei Marien eine Familiensaga, ein Epos das Chiles Geschichte des 20. Jahrhunderts umfasst. Dabei verwebt Allende politische Themen wie Klassenkampf und Kommunismus mit gesellschaftlichen Diskursen wie Misogynie und Machismo. Untermalt mit fantastischen Elementen, Allendes (manchmal bitterem) Witz und mitunter grausamer Ehrlichkeit und Brutalität, ist Das Geisterhaus ein berauschendes Leseerlebnis mit unfassbar vielen Erzähl- und Interpretationsebenen.
Unserer Leserunde mangelte es wahrlich nicht an Gesprächsstoff…

Allendes Debüt, das vor 40 Jahren erschien, war in den 1980er Jahren ein Welterfolg, der in über 40 Sprachen übersetzt wurde und wohl in keinem Bücherregal fehlte. Jetzt in einer Jubiläumsausgabe bei Suhrkamp neu erschienen, aus dem Spanischen von Anneliese Botond.
Unser einziger Kritikpunkt war die sich durch das ganze Werk ziehende rassistische Sprache, die sich zwar im historischen Kontext gesehen nachvollziehen lässt und eventuell mitunter auch der Übersetzung geschuldet sein mag, vom Verlag jedoch zu keinem Zeitpunkt kontextualisiert oder eingeordnet wird.

Es gibt weder Vor- noch Nachwort. Nicht nur zum Zwecke von Begriffserklärungen oder historischen Einordnungen hätte ich mir dies gewünscht, auch eine Würdigung der literarischen Leistung, Interpretationsansätze oder intertextuelle Verweise hätte man von mir aus gern in einem vorangestellten oder angehängten Text beleuchten können. Des Weiteren wäre ein Stammbaum hin und wieder hilfreich gewesen, um die Figuren visuell zueinander ins Verhältnis zu setzen.
Abschließend kann ich sagen, dass ich aus irgendwelchen Gründen eine ganz andere Geschichte erwartet hatte, von dem was ich las jedoch durch und durch gefesselt war. Allendes Erzählkunst ist unvergleichlich und es verwundert nicht, dass sie zu den weltweit beliebtesten Autorinnen gehört.
Trigger-Warnung für sexualisierte Gewalt und grafische Beschreibungen andere körperliche Grausamkeiten.
Danke an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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