Olivia Wenzel – 1000 Serpentinen Angst

Manchmal denke ich, es wäre gut, sich nicht bloß über Erzählungen und Bilder zu erinnern, sondern über Berührungen. Ein Archiv in sich zu tragen, das alle Berührungen der Haut gespeichert hätte und das jederzeit abrufbar wäre.

S. 200.

Vielleicht wäre es gut, wenn man auch ein Negativ-Archiv aller Berührungen in sich tragen könnte. Eine nachfühlbare Sammlung von Körperkontakten, die nicht stattgefunden haben, die aber vielleicht, wahrscheinlich, hätten stattfinden können oder sollen.

S. 205.

Olivia Wenzel erzählt in 1000 Serpentinen Angst wie es ist, als Nichtweiße im Nachwende-Ostdeutschland aufzuwachsen. Die Perspektive ist dabei der Kopf der Erzählstimme, aus deren Kopf heraus berichtet und in deren Kopf hinein man als Leser*in versetzt wird. In einer Art innerem Monolog begleiten wir eine junge Schwarze Frau, die Mitte der 80er in Thüringen geboren wird, durchs Leben. Wir erfahren vom Suizid des Bruders, von der abwesenden Mutter, vom Vater, der in Angola lebt und von einer Angststörung, die die Erzählerin begleitet. An dem Versuch, mit dieser leben zu lernen und die eigene und die Vergangenheit ihrer Familie zu ergründen, lässt uns die Erzählerin in 1000 Serpentinen Angst teilhaben.

Diese Perspektive, die mir einerseits völlig fremd (ich bin weiß und in Westdeutschland geboren und aufgewachsen) und gleichzeitig irgendwie auch nahe ist (mein Mann ist im gleichen Jahr wie die Autorin in der gleichen Stadt geboren, die Schwiegerfamilie, aus verschiedenen Gründen hier und dort marginalisiert, lebt in Thüringen), hat mich völlig gebannt. Der Text, die Sprache haben mich gefesselt und fasziniert. Ich bin durch die Seiten geflogen und musste dennoch immer wieder innehalten und grübeln.
Was für ein großartiges Buch über familiäre Beziehungen, über Perspektiven, über Ängste und so vieles mehr, was uns im Leben begleitet.

Was gäbe ich dafür, meiner Großmutter und meiner Mutter zu einem unmöglichen Zeitpunkt zu begegnen, an dem wir alle 15 Jahre alt wären. Was hätten wir einander zu erzählen, was könnten wir einander anvertrauen? Wären wir Freundinnen?

S. 207.

Große Leseempfehlung!

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