Henry David Thoreau – Walden

Wir haben heute Philosophieprofessoren, aber keine Philosophen mehr. Dabei gelten die Professoren nur deshalb so viel, weil die Philosophen einst lebten, was sie lehrten.

S. 25.

Ich wollte es so gern lieben, dieses Buch, dieses Manifest des Minimalismus, des wilden, freien und selbstbestimmten Lebens im Einklang mit der Natur. Insbesondere, weil ich andere Texte von Henry David Thoreau sehr mochte und den Menschen hinter dem Namen zu schätzen glaube.


Vor ca. 150 Jahren lebte er für etwas über zwei Jahre in einer selbstgebauten Holzhütte am Walden-See und widmete sich der Natur, sich selbst und dem Leben, um zu ergründen, was wirklich von Bedeutung ist.
Über diese Zeit schrieb Thoreau später das Buch „Walden“, das zu einem Klassiker avancierte, „zu einer Art grüner Bibel“ (Klappentext).

Ich schrieb, ich wollte es lieben. Es ist mir leider nicht gelungen. Wiederholt stolperte ich über rassistische Begriffe. Neben dem N-Wort werden Menschen auch als „farbig“ bezeichnet. Ja nun, kann man sagen, es ist halt ein alter Text. Die Übersetzung von Fritz Güttinger ist allerdings recht frisch, die Ausgabe von Manesse von 2020. Das hätte man auch schlichtweg anders lösen können.

Erwartet hatte ich Beschreibungen über das Leben in der Natur. Gelesen habe ich fast ausschließlich Beschreibungen der Natur selbst. Wer das mag, dem sei dieses Buch dringend empfohlen. Ich persönlich habe mich angesichts der seitenlangen Ausschweifungen über die Bewegungen von Wasser und die Geräusche von Vögeln ehrlich gesagt tierisch gelangweilt. Wenn das „Nature-writing“ ist, weiß ich jetzt zumindest, was ich nicht mag.

Ein weiteres Problem, das ich mit dem Text hatte, kommt im Nachwort von Susanne Ostwald zur Sprache, das ich nebenbei bemerkt hervorragend fand. Darin heißt es nämlich:

Häufig wird Thoreau auch vorgeworfen, er lasse klassenbewussten Hochmut erkennen, demonstriere penetrant seine Belesenheit und übe sich in Bildungshuberei sowie überheblicher Didaktik […].

S. 578

Ich hätte es kaum passender sagen können. Ein weißer Mann aus dem Bildungsbürgertum ergießt sich über die Vorteile von Armut und Einfachheit, während er gefühlt die gesamte Kultur- und Literaturgeschichte der Welt zitiert und mit keinem Wort seine Privilegien erwähnt.
Das war mir ehrlich gesagt etwas zu kurz gedacht. Es ist unmöglich, dass jede*r von uns an einem unberührten Fleckchen Erde lebt. Auch eine selbst gebaute Holzhütte am See und die Möglichkeit, sie jederzeit hinter sich zu lassen und in die Zivilisation zurück zu kehrten, muss man sich leisten können. Thoreau aber schreibt frei nach dem Motto „jeder ist seines Glückes Schmied“, als hätten alle die Möglichkeiten zu tun, was er tat.
Sehr gelungen finde ich hingegen Optik und Haptik dieser wunderschönen Ausgabe.
Auch wenn es leider nicht die literarische und geistige Offenbarung war, die ich mir erhofft hatte, habe ich mir einige meiner Meinung nach gelungene Stellen markiert und auch diese möchte ich mit euch teilen.
Habt ihr das Buch schon mal gelesen? Was waren eure Gedanken dazu?

Von keinem habe ich je geringer gedacht, bloß weil sein Zeug geflickt war; dabei sind die meisten ängstlicher darauf bedacht, modisch oder wenigstens sauber und ungeflickt daherzukommen, als ein reines Gewissen zu haben. Selbst wenn der Riss nicht geflickt ist, verrät das nichts Schlimmeres als Unbekümmertheit.

S. 36 f.

Kinder, denen das Leben ein Spiel ist, erkennen sein wahres Wesen viel deutlicher als die Erwachsenen, die es vertrödeln, aber überzeugt sind,  sie seien durch Erfahrung, das heißt durch Enttäuschungen, klüger geworden.

S. 159

Ich für meinen Teil finde es zuträglich, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst die der Besten, finde ich jeweils bald lästig und unersprießlich. Ich liebe es, allein zu sein.

S. 221.

Die Natur gedeiht am besten allein, fern vom Gewimmel der Menschen. Ihr mit eurem Gerede vom Himmel, ihr gereicht der Erde nicht zur Zierde.

S. 324.

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