Sylvia Townsend Warner – Lolly Willowes

Lolly, du hast mein Herz erobert!

Was als reiner Coverkauf begann (Entschuldigung, WIE schön ist das Design von der @buechergilde bitte?) wurde spontan zum Startschuss für #wicl .

Irgendwo in meinem Hinterköpfchen klingelte bei dem Namen Sylvia Townsend Warner was, aber gelesen hatte ich noch nie etwas von ihr. Auf dem Klappentext stand etwas von Hexen und damit hatte es mich dann.

Zum Buch:
Laura Willowes ist Teil einer gut bürgerlichen britischen Familie im beginnenden 20. Jahrhundert. Irgendwie entspricht sie aber so gar nicht den Erwartungen, die diese Gesellschaft an eine Frau wie sie hat. Sie hat nicht den Hauch einer Ambition zu heiraten, ist ein Freigeist und liest und lernt in der väterlichen Bibliothek, wo sie sich bevorzugt aufhält. Für ihren Vater ist das, entgegen aller Konventionen, auch vollkommen in Ordnung so. Als er jedoch stirbt, muss Laura feststellen, dass ihre Art zu leben nicht überall auf Verständnis trifft. Sie zieht zu ihrem Bruder, dessen Frau und den Kindern, um die sie sich liebevoll kümmert. Hier wird sie voll und ganz zu „Tante Lolly“ – Laura Willowes scheint nicht mehr zu existieren.
Als die Neffen und Nichten dem Kindesalter entwachsen sind, fällt Lolly ein Katalog in die Hand. Hier entdeckt sie ein kleines Dorf, in das sie sich ungesehen verliebt und das sie zu ihrer neuen Heimat bestimmt. Entgegen der Ratschläge der Familie, nimmt sie ihr Leben im mittleren Alter selbst in die Hand, emanzipiert sich von allen um sie herum und wird zu der Laura Willowes, die sie tief drin schon immer war.
Dabei spielt Hexerei eine ebenso große Rolle, wie der Teufel höchstpersönlich und eine Katze namens Vinegar. Herauszufinden, was es damit auf sich hat, überlasse ich euch allerdings selbst.

Lolly Willowes lebt ganz eindeutig nicht vom spannenden Plot oder aufregenden Cliffhangern. Erst im letzten Drittel nimmt die Geschichte tatsächlich an Fahrt auf. Während ich mit dahinplätschernden Texten sonst eher so meine Probleme habe, haben mich hier die unterschwellig zynischen, humorvollen, ja stellenweise fast slapstickhaften Dialoge und Szenen jedoch ganz hervorragend bei Laune gehalten.

Kommt Lauras Geschichte zu Beginn noch etwas Effi-Briest-mäßig daher (danke @lisa_liest für diesen Hinweis), erinnerte mich ihre Charakterentwicklung, ihre Emanzipation zum Ende hin an eine Art umgekehrten Entwicklungsroman á la Wilhelm Meister. Es wirkt, als würde die Erzählung vom jungen Mann, der seinen Weg geht und letztlich seinen Platz in der Gesellschaft findet, ins genaue Gegenteil verkehrt, wenn hier eine Frau in ihren 40ern feststellt, dass sie eine Hexe ist, einen Hexensabbat besucht (die Szene ist nebenbei bemerkt einfach nur köstlich zu lesen), tiefgründige Gespräche mit dem Teufel führt und zu dem Schluss kommt, dass sie lieber allein mit der Natur leben möchte.
Im Austausch mit Lisa und @coffeecakesandbooks , wurde mir klar, dass ich Lolly Willowes wahrscheinlich noch drei mal lesen könnte und immer noch neue Aspekte finden würde, die sich diskutieren lassen.
So stellte sich zum Beispiel die Frage, ob sie wirklich eine Hexe ist oder vielleicht einfach nur den Verstand verliert, angesichts einer Gesellschaft, die sie nicht leben lässt, wie sie möchte?
Hervorheben möchte ich noch das wunderbare Nachwort von Manuela Reichart, das die Biografie der Autorin und ihren Text historisch einordnet und der Figur Laura Willowes noch einmal mehr Authentizität und Sympathie verleiht. Auch die Übersetzung von Ann Anders ist durchaus gelungen.
Lolly Willowes ist ein früher feministischer Roman, der von Selbstermächtigung und -findung in einer Zeit erzählt, in der dies für Frauen nicht vorgesehen war. Ich habe die Protagonistin sehr tief in mein Herz geschlossen und bin mir sicher, dass diese erste nicht meine letzte Begegnung mit ihr gewesen sein wird, denn ich habe dieses Buch sehr gemocht.

Welche Hexenromane fallen euch ein? Welche könnt ihr empfehlen?

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