Daniel Schreiber – Zuhause

Unser inneres Leben ist zu einem beträchtlichen Teil von jenen Lebenswegen bestimmt, die wir nicht verwirklichen, von Sehnsüchten nach jenen Leben, die wir theoretisch auch führen könnten. […] Wir werden immer Vorstellungen von einem besseren Leben an einem besseren Ort hegen, aber das ist nichts Schlimmes, solange wir uns ein Zuhause bauen, das gut genug ist. […]
Vielleicht sind wir tatsächlich viel öfter, als wir es glauben, schon da, wo wir sein müssen.

S. 130 f.

Mein Zuhause ist seit 32 Jahren die gleiche Stadt. Ich habe nie in einem anderen Ort, geschweige denn im Ausland gelebt und ja, ich habe das oft bereut und als Manko in meinem Leben empfunden; als Mangel in meiner Biografie.
Mein Zuhause teile ich seit knapp elf Jahren mit einem gewissen Mann, der zu dem, was Zuhause für mich bedeutet, mittlerweile untrennbar dazu gehört. Zusammen hatten wir bis jetzt drei Zuhauses. Alle waren gleich viel Zuhause.
Mein Zuhause wird seit fast sieben Jahren auch von einem Wutz bewohnt, der eines Tages ausziehen und dann vielleicht nicht mehr hier zuhause sein wird.
Seit Dezember ist mein Zuhause ein neues Haus. Ich habe aber auch Schlüssel zu den Zuhauses meiner Eltern, die auch mein Zuhause sind. Zuhause verändert sich.
Ich bin genau da, wo ich sein muss. Und trotzdem habe ich Sehnsucht nach anderen Zuhauses und Daniel Schreiber hat mir erklärt warum.

Anders als ich hat Daniel Schreiber u.a. in New York, London und Berlin gelebt. Anders als ich hat er das Nest seiner Kindheit verlassen und die Welt bewohnt. Genau wie ich hat er dennoch Sehnsüchte und Heimweh. Heimweh nach einem Zuhause, das es so, wie es in unseren Köpfen existiert, niemals geben kann. Warum das genau so sein muss, was der Unterschied zwischen Zuhause und Heimat ist, wie sich Zuhause heute vom Zuhause vor hundert Jahren unterscheidet und wie wir lernen können anzukommen, darüber hat er einen unheimlich klugen und umarmenden Essayband geschrieben, der mich ebenso berührt hat, wie sein Buch Nüchtern.

Lest dieses Buch! Es ist wie eine feste Umarmung und eine Tasse heißer Kakao mit Sahne. Es ist wie ein Telefonat mit der besten Freundin, die genau die richtigen Dinge sagt, wenn man ganz arg heulen muss. Es ist genau das, was ich im Moment brauchte, denn „[m]anchmal ist man nicht in der Lage zu erkennen, dass so etwas wie Zufriedenheit möglich ist, weil diese Zufriedenheit so klein wirkt neben dem Glück, das man sich wünscht.“ S. 121.
Danke @thedanielschreiber !

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