Margaux Fragoso – Tiger, Tiger

TW: sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Suizid, SvV, seelischer und körperlicher Missbrauch

Dieses Buch hat mich sprachlos und betäubt zurück gelassen und ich glaube, mir ist noch nie eine Rezension schwerer gefallen.

In Tiger, Tiger erzählt Margaux Fragoso ihre eigene Geschichte – eine Geschichte, die von Missbrauch geprägt ist. Als Margaux sieben Jahre alt ist, lernt sie den 51 Jahre alten Peter kennen. Er wird ein enger Freund der Familie und Margaux, deren Mutter psychisch krank und deren Vater alkoholkrank ist, merkt nicht, dass das, was Peter für sie empfindet, nicht so in Ordnung ist, wie er behauptet.
Er sagt, er liebe sie und daran sei nichts falsches. Die Beschreibungen erzählen jedoch von einer derart toxischen Beziehung, die von sexualisierter und körperlicher Gewalt sowie psychischem Missbrauch geprägt ist , dass hier von Liebe kaum die Rede sein kann, denn Peter ist pädophil und lebt diese Neigung aus.

Ich will ehrlich sein: hätte ich das Buch nicht zusammen mit @lesestress@knigaljub und @coffeecakesandbooks gelesen, hätte ich es ganz schnell abgebrochen.
Der Klappentext behauptet, die Geschichte würde „[i]n poetischer Sprache und mit klaren Worten erzählt“. Poetisch war hier in meinen Augen rein gar nichts und die klaren Worte würde ich schlichtweg drastisch und explizit nennen. Mir wurde mehrfach wirklich körperlich übel und außer Yanagiharas „Ein wenig Leben“ fällt mir kein Buch ein, das mir jemals so viel abverlangt, das mich körperlich und seelisch so gefordert hat – und Yanagiharas Geschichte ist fiktiv.
In Fragosos Text, der in der deutschen Ausgabe zwar als Roman gekennzeichnet ist, erzählt die Autorin jedoch ihre eigene grausame Geschichte, die von 15-Jahre andauernder Misshandlung berichtet. Davon zu lesen ist nicht einfach nur starker Tobak, es ist schwer zu ertragen…

Mein Verhältnis zu diesem Buch könnte nicht ambivalenter sein. Es ist gut, dass Fragoso ihre eigene Geschichte so verarbeiten konnte, aber gleichzeitig hochgradig fahrlässig vom Verlag, diesen Text ohne Triggerwarnungen herauszugeben und auf dem Klappentext so zu bewerben, wie er es tut.

Es ist gut, dass Pädophilie hier behandelt und gezeigt wird, dass es eben in der Regel nicht der böse Fremde aus dem Gebüsch ist, sondern Menschen aus dem engsten familiären Umfeld. Gleichzeitig haben wir uns an unzähligen Stellen gefragt, ob potenzielle Täter hier nicht eher bestärkt, ja „aufgegeilt“ werden. An keiner Stelle im Buch finden sich Hilfestellen für Opfer oder potenzielle Täter und die in diesem Buch behandelten Themen wie Suizid, Selbstverletzung, sexualisierte Gewalt usw. ohne Triggerwarnung völlig unkommentiert im luftleeren Raum stehen zu lassen, halte ich für schlichtweg gefährlich. Versteht mich nicht falsch: Das hier ist kein „schlechtes“ Buch. Ich kann es aber unter keinen Umständen bewerten. Eine Geschichte dieser Art zu beurteilen ist ebenso unmöglich, wie dieses Buch irgendjemandem guten Gewissens empfehlen zu können.

Liebe Verlage, bitte denkt über Triggerwarnungen nach!

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